Förderprogramm Tanz Digital: Virtuelles und interaktives Forum für Tanz

Ausgangspunkte: Von der Bühne in die Online-Welt

In der aktuellen Situation entstehen zahllose Streaming-Angebote, in denen Theater und Tanz auf sich aufmerksam machen. Allerdings zumeist nur als gefilmtes Bühnenereignis, mitunter als TV-Fassung der Stücke, welche auch bei hoher Qualität die Betrachter:innen sehnsüchtig-schmerzvoll das Live-Erlebnis vermissen lassen. Zugleich zeigen viele Beispiele, dass in diesen künstlerischen und medialen Produktionen ein hohes Potential für Weiterentwicklung und Innovation gegeben ist, z.B. in für neue Aufnahmetechniken entwickelte Choreografien, spezifische Erzählweisen und neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen oder auch speziell für die Online-Welt geschaffenen Produktionen und Präsentationsformen.

Vom lokalen Publikum zur vernetzten Tanz-Community

Das Abonnenten-Publikum in den Theatern wird zunehmend älter. Junges Publikum ist für die bestehenden Abo-Angebote kaum zu gewinnen. In einer Verbindung aber von Live-Tanzaufführungen und Online-Angeboten könnte eine Perspektive liegen. Online-Angebote der Theater sprechen ein junges Publikum auf anderen Plattformen an, das online-Erlebnis von Tanz weckt das Interesse an Live-Angeboten – in der eigenen Stadt oder in touristischen Destinationen.
Mit Streaming und Games-Anwendungen können neue Zielgruppen und Publika für Tanz erreicht werden. Insbesondere jugendliche Nutzer*innen, für die das Internet nicht nur Medienkonsum, sondern kreative Spielewelt, Chatroom und soziales Netzwerk bedeutet, werden angesprochen.
Als Kunstform ohne Sprachbarriere erreicht Tanz ein internationales Publikum, in Europa wie auch – insbesondere derzeit – im asiatischen und amerikanischen Raum.

Aktueller Tanz im Kontext der Tanzgeschichte

Anders als in der Bildenden Kunst erlebt das Publikum Tanz nur im Moment der Aufführung. Vielfach fehlen damit Kontext und künstlerische Bezüge zu anderen Werken, wie sie in der Tanzentwicklung von der Klassik über die Moderne bis zum zeitgenössischen Tanz oftmals von großer Bedeutung sind. Für eine digitale Präsenz kann daher die Ko-Präsenz von aktuellen audiovisuellen Dokumenten des Tanzes mit Dokumenten aus der Tanzentwicklung von großem Gewinn für das Publikum sein.

Das Publikum erhält damit auch ein Schaufenster in die Archive des Tanzes und die Tanzentwicklung, die Archive werden zu Mitgestaltern der digitalen Präsenz des Tanzes und die digitalen Technologien führen zu neuen Methoden der Archivierung.

Der Ansatz

Wir wollen Tanz zu einem virtuellen und immersiven Erlebnis machen, denn er bietet Menschen – aufgrund seiner vielfältigen Inszenierungsmöglichkeiten – die idealen Voraussetzungen, in eine virtuelle Realität einzutauchen.
Koordiniert im Dachverband Tanz Deutschland und in Kooperation u.a. mit dem Deutschen Tanzfilminstitut, den Tanzensembles und Produktionshäusern verfolgen wir in diesem Ansatz das Konzept eines modular und sukzessiv wachsenden Netzwerks von deutschen Ballettensembles und Tanztheatern, die mediale Tanzproduktionen und Live-Aufführungen aus ihren Spielstätten per Stream verfügbar machen. Darüber hinaus wollen wir den Fokus erweitern und das Angebot durch On-Demand- und weitere Live-Inhalte, wie z.B. begleitende Dokumentationen, Blicke hinter die Kulissen des Theaterbetriebs oder aber exklusive Einblicke in die Arbeitsweisen von Künstler*innen und Tanzschaffenden anreichern und damit ein unverwechselbare mediales Kunsterlebnis schaffen. Insbesondere soll die Präsentationen des aktuellen Tanzes in den Kontext der Tanzentwicklung gestellt werden, d.h. audiovisuelle, fotografische und textliche Dokumente des Tanzes sollen einen Kontext für die aktuellen Arbeiten bilden. Daher kommt beim Aufbau des Angebots den Tanzarchiven eine besondere Rolle zu. Gemeinsam mit dem Verbund deutscher Tanzarchive sollen auch die redaktionellen und rechtlichen Grundlagen für die öffentliche Präsentation des Material geschaffen werden. Zu prüfen ist, ob weitere bestehende Inhalte – bereits vorhandene Tanzfilm-Produktionen, privatwirtschaftlich produziert oder aus den öffentlich-rechtlichen Sendern – ebenfalls eingebunden werden können.

Perspektive

Das Projekt Tanz Digital ist der Start einer langfristigen Arbeit an der medialen Präsentation des Tanzes. Der Fokus des aktuellen Projektes liegt auf der Erprobung und Entwicklung von Inhalten (medialen Tanzproduktionen) und der Grundlagenarbeit für Redaktion, rechtliche Klärungen, Nutzer*innen- und Produzent*innen-Communities.
Im Verlauf des Projektes sollen weitere Finanzierungmöglichkeiten entwickelt werden.

In der Ausschreibungsphase sollen künstlerische/mediale Produktionen (als künstlerische Adaption für eine Aufzeichnung bzw. Übertragung in den digitalen Raum) gefördert werden. Ziel ist es zudem, Erfahrungen von Künstler*innen und Produzent*innen in Workshops und kreativen Vermittlungsformaten an Tanzensembles, Theater und freie Tanzschaffende weiterzugeben.

Projektverlauf

Ausschreibung

Der Dachverband Tanz Deutschland ist Träger von tanz digital – Teil von NEUSTART KULTUR, des Rettungs- und Zukunftsprogramms der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Mit tanz digital sollen Tanzkünstler*innen, Tanzensembles und Institutionen des Tanzes (Spielstätten, Archive, Tanzschulen, Vermittlungsprojekte u.a.) in der medialen Präsentation künstlerischer Produktionen gestärkt werden.

Ziele des Projektes sind die Entwicklung innovativer choreografischer/künstlerischer Formate und die Erprobung neuer Aufnahme- und Produktionsformate – z.B. die Arbeit mit Bodycams, 3D- und 360°-Aufnahmetechniken, VR- und AR-Anwendungen, Streaming- und Video-on-Demand-Produktionen, Formatentwicklung für soziale Netzwerke und Gaming.

In diesem Rahmen ist es auch ein Anliegen, die Zusammenarbeit von Tanzkünstler*innen und Archive des Tanzes zu stärken. Daher sollen Projekte, die in Kooperation von Künstler*innen und Archiven entstehen, verstärkt gefördert werden. Dazu finden Sie hier Hinweise zu einer Zusammenarbeit mit einem Archiv des Tanzes.

Gefördert werden die medialen Umsetzungen tanzkünstlerischer und tanzpädagogischer / tanzvermittelnder Projekte. Zuwendungsfähig sind damit verbundenen Personal- und Honorarkosten, Rechtsklärung, Sachkosten und Anschaffungen und Kommunikationskosten.
Die Höhe der Förderung beträgt bis zu 30.000 €, für Kooperationen von Künstler*innen mit Archiven bis zu 40.000 €. Ein Eigenanteil von 10% barer Eigenmittel ist bei allen Projekten zu erbringen.

Die Antragstellung erfolgt über ein Antragsformular auf www.dachverband-tanz.de, einzureichen sind eine Projektbeschreibung und ein Finanzierungsplan. Anträge können ab dem 29. März gestellt werden.
Einreichungsfrist ist der 10. Mai 2021. Über die Bewerbungen entscheidet eine Jury aus Tanz- und Medienexpert*innen Mitte Juni 2021.
Die Projekt können in der Zeit von Anfang Juni bis Ende Dezember 2021 umgesetzt werden. Sie sollen auf einer technischen Plattform, welche vom DTD gemeinsam mit Mitgliedsverbänden entwickelt wird, präsentiert werden.

Technische Plattform

Im Rahmen des Projektes wird im DTD gemeinsam mit Mitgliedsverbänden und Institutionen (Tanzarchiven und weiteren Partnern) eine technische Plattform aufgebaut, um auf dieser und weiteren Plattformen präsentieren zu können.

Kontakt

Dachverband Tanz Deutschland
Julia Decker, Projektkoordination / Indra Genning, Projektmitarbeit
Mariannenplatz 2, 10997 Berlin
www.dachverband-tanz.de

Jury

Philipp Contag-Lada

Philipp Contag-Lada arbeitet seit über 20 Jahren als Medienkünstler an zahlreichen Theater und Galerien in ganz Europa und unterrichtet an mehreren Hochschulen Medienkunst. 

Für seine technischen und ästhetischen Innovationen wurde er mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Er berät außerdem Theater beim Aufbau von Abteilungen, die sich mit Video und Multimedia auseinandersetzen. 

Alexandra Georgieva

Alexandra Georgieva ist seit 2018 Ballettdirektorin des Friedrichstadt-Palast Berlin. Sie erhielt ihre Ausbildung an der Staatlichen Ballett- und Choreographie-Schule Sofia, die sie 1985 als staatlich geprüfte Bühnentänzerin abschloss. Nach einem Praktikum an der Staatsoper Sofia und einem Engagement am dortigen Staats-Musical-Theater, kam sie 1990 als Tänzerin an den Palast in Berlin und übernahm nach nur sechs Monaten ihre erste Solo-Partie. Berufsbegleitend absolvierte sie ihre tanzpädagogische Ausbildung.

Im Jahr 2008 beendete sie ihre Karriere als Tänzerin und übernahm die Leitung des weltweit einmaligen Ballettensembles. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich u. a. für den Deutschen Tanzpreis, die Dell'Era-Gedächtnis-Stiftung und die Bundesdeutsche Ballett- und Tanztheaterdirektor:innen-Konferenz.
 

Ina Göring

Ina hat während und nach ihrem Studium an der Filmuniversität Babelsberg als Produzentin, Produktionsleiterin und Regisseurin in der Film-, Fernseh- und Animationsfilmbranche gearbeitet. Anschließend war sie mehrere Jahre im Medien-Team der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) tätig. Zuletzt war Ina als Referentin im Geschäftsbereich New-Media-Förderung für das Medienboard Berlin-Brandenburg aktiv. Hierbei war sie für die Förderprogramme „Innovative Audiovisuelle Inhalte“ (Förderung von Games, VR- u. AR-Projekten) sowie "Standortmaßnahmen" (Veranstaltungen) zuständig. Beim game ist Ina im Team von Maren Ansprechpartner für alle Fragen zur Games-Förderung und unterstützt die Regionalvertretungen bei ihrer Arbeit.

Florian Jenett

Seit 2016 ist Florian Jenett Professor für Medieninformatik im Fachbereich Gestaltung an der Hochschule Mainz - University of Applied Sciences. Er ist Mitbegründer der Ausstellungs- und Produktionsplattform basis e.V., Frankfurt, und hat viele Jahre an Processing mitgearbeitet, einem internationalen Open-Source-Projekt zur gestalterischen Arbeit mit Programmiercode. Jenett ist zudem Mitglied im NODE – Verein zur Förderung digitaler Kultur. Seit 2010 forscht er für die Motion Bank, die er seit 2014 zusammen mit Scott deLahunta leitet und die seit 2017 an der Hochschule Mainz beheimatet ist.
 

Helge Letonja

Helge Letonja ist Choreograf, Festival- und Projektentwickler, Tanzproduzent,  -veranstalter, und  -dozent und seit über 20 Jahren Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von steptext dance project Bremen. Nach seiner Ausbildung in klassischem und zeitgenössischem Tanz führte ihn seine internationale Tänzerlaufbahn u.a. ans Bremer Tanztheater zu Susanne Linke. Dort gründete er steptext 1996 als freischaffende Kompanie und choreografierte seither rund 40 im In- und Ausland präsentierte Tanzstücke. 2003 gehörte er zu den Konzeptentwicklern und Gründern der Schwankhalle Bremen. Er engagiert sich in vielfältigen institutionellen wie auch künstlerischen Kooperationen für die regionale und internationale Entwicklung des Tanzes, erschließt ihn als Mittler kultureller Diversität, gesellschaftlicher Teilhabe, interdisziplinärer Kunst und Forschung. 

Claudia Rosiny

Claudia Rosiny ist seit 2021 Verantwortliche für die Darstellenden Künste im Bundesamt für Kultur, Bern, zuvor ab 2012 zuständig für Tanz und Theater. Daneben unterrichtet und publiziert sie, u.a.: Tanz Film, Intermediale Beziehungen zwischen Mediengeschichte und moderner Tanzästhetik, Bielefeld: transcript 2013, Zeitgenössischer Tanz. Körper, Konzepte, Kulturen, Bielefeld: transcript 2007. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln und Amsterdam und promovierte an der Universität Bern mit einer Arbeit über Videotanz. Von 1991 bis 2007 leitete sie die Berner Tanztage und baute von 1998 bis 2007 ein Forum für Medien und Gestaltung im Kornhaus Bern auf. Nach einem Stipendienaufenthalt 2008-2009 in New York City war sie von 2009 bis 2012 Beraterin und Projektleiterin im Schweizer Tanzarchiv, heute SAPA (Schweizer Archiv der Darstellenden Künste).

Dieter Schneider

Dieter Schneider arbeitete als Radakteur, Autor und Produzent für ZDF, 3sat und ARTE. Von 2012 bis 2017 leitete der die Redaktion Theater, Pop, Event/ARTE im ZDF, ab 2017 die Redaktion Kultur/Musik/ARTE im ZDF, seit 2020 als stellvertretender Leiter.

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